Maybe No Brain?

Zweifle nicht – Rauche. Es gibt kein Morgen. Aktivisten der Passivrauchen-Initiative, Lungen- und Krebsliga? Die können dir was husten. Du bist! Eine Zigarette?

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Mit Spass ins Paraplegiker-Zentrum? (1)

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Diese Marlboro-Kampagne hat mich genervt. Als ich das Balconing Plakat sah, dachte ich: Das ist der Aufruf, sich an jeden blödsinnigen Thrill anzuhängen. Zudem werden sich eine oder zwei der springenden Personen schwer verletzen. Intention: Schlag Warnungen aus dem Kopf. Spring einfach. Bist sonst Spielverderber, Versagerin, Langweiler. Zögere erst recht nicht, wenn dir das nächste Mal eine Zigarette angeboten wird. Auch wenn das der Beginn einer lebenslangen, irgendwann mühseligen, einschränkenden, schmerzhaften oder gar tödlichen Sucht sein könnte. Schwamm drüber. Hauptsache Spass! Jetzt!

Es ist eine Schweizer Variante der Maybe-Kampagne für Marlboro Zigaretten und sie ist – so weit ich das bis jetzt einschätzen kann – nicht weiter erwähnenswert. Beim Recherchieren nach weiteren Plakaten im Internet bin ich auf die folgenden Sujets gestossen. Auch die deutschen Plakate (im weiteren Verlauf des Artikels) haben genervt (z.B. Spiesser Alfons). Die Kampagne hat Aufsehen erregt und ist viel diskutiert worden.

Zumindest für die Werbe-Agentur ist somit der Auftrag erfüllt. Ob die Auseinandersetzung nun positiv geführt wird, nur Gerede ist oder gar in Ablehnung kippt, scheint keine Rolle zu spielen. Hauptsache: Aufmerksamkeit. Es ist der Bennetton-Effekt den Oliviero Toscani in den 90er Jahren ausreizte. So vielschichtig wie damals die Benetton-Werbung ist diese Kampagne jedoch nicht. In zu viele Fettnäpfe wird da getreten.

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Die Geister, die er rief…? Panikattacke? (2)

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Allerdings: Wird hier Aufregung provoziert einzig um der Aufmerksamkeit willen? Auch wenn ich immer wieder staune, welch ungestümen Unsinn sich Werber/innen aushecken um ihn uns dann mit gnadenloser Vehemenz entgegen zu schleudern – so blöd wie ihnen jetzt unterstellt wird, können die Werbeleute einer Agentur wie Leo Burnett doch nicht sein?

Die Zielgruppe? Es sind Jugendliche im allgemeinen und solche in prekärer Lebenssituation im speziellen. Neurotisch, delinquent, süchtig, 1-Eurojobs. Hier überschreitet die Kampagne die bislang eingehaltenen Grenzen des Ausgestellten und zeigt nicht mehr Fotomodelle, die wie Normalos, Freaks, Schwule oder Muttersöhnchen aussehen.

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Ist jeder Job besser als Langzeit-Arbeitslosigkeit? (2)

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Da sitzt eine Frau in der Motorrad-Werkstatt. Wir sehen einen von Ängsten blockierten Mann. Nicht das Paar im Abendrot wird gezeigt, sondern sich Küssende vor einer Mauer, angestrahlt von Auto-Scheinwerfern, nicht ein schnieker Cabrio-Fahrer, sondern ein Mann, der über einen Absperrzaun springt. Statt idealisierter Figuren, posieren Menschen wie du und ich, wie wir sie auch auf Millionen von Facebook-Kontos oder Partyfoto-Blogs finden.

Die Zeit der Supermodels ist längst abgelaufen. Insofern nichts Neues. Die Slogans aber erschliessen eine neue Dimension. “(Du) wirst wahrscheinlich nie dein eigener Chef sein -“(Du) hast wahrscheinlich nie ein Lied geschrieben” – “(Du) wirst möglicherweise nie frei sein”. Damit zerfällt der letzte Rest an Glorifizierung. Und ich reibe mir die Augen. Eine Werbung ohne falsche Versprechungen, dafür plausiblen Szenarien? Kniet diese Werbung zu mir nieder – auf Augenhöhe – und sagt: wir verstehen dich?

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Bleibt der Hut mal wieder leer? (2)

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Nein! Die Fraternisierung mit untalentierten Konsumentinnen war von Marlboro kaum beabsichtigt. Wer die erste Phase der Plakatierung verfolgte, kann das holprige Englisch entschlüsseln. In der Schweizer Fassung ist es noch deutlicher, da gibt es den Zusatz: “Sei nicht ein Maybe.” Und jetzt kehrt sich die Aussage ins Gegenteil und damit ins bekannte Schema: (Jene/r) “Maybe” wird niemals sein/ihr eigener Boss sein – (darum) sei Marlboro” und “Maybe”wird nie eigene Songs schreiben - (darum) sei Marlboro”. Ich soll eine Zigarette sein? Oder eine Zigaretten-Packung? Alles klar? Eben…

Doch kein Meilenstein. Schade. Ich verirrte mich lediglich und folgte der falschen Fährte. Immerhin: zum Nachdenken angeregt hat diese Werbung. Und das ist ja schon mal was.

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Weitere Artikel:  Don’t be a Maybe und Werbewoche sowie  Marlboro Wannebes

(1)  Plakat fotografiert in Zürich, 11.9.2012

(2)  Plakate aus Deutschland (versch. Quellen Internet). Diese Kampagne ist dort nach Protesten gestoppt

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“Das vielleicht einzige, was für das Rauchen spricht, ist doch, dass es ein Ausdruck für das Unerklärliche und Unvernünftige am Menschen und am Leben überhaupt ist.” (Wolfgang Tillmans in de:bug 090/2012)

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Nachtrag vom 17.02.2013

Die Kampagne ist reanimiert. Ein neues Sujet konnte ich kürzlich entdecken. Was es uns wohl erzählen mag…?

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maybeknast

 Lebenslänglich! Aber in 10 Jahren spätestens bin ich hier raus…

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